Gut zu wissen

 Hintergrundwissen für Allgäu-Interessierte

 

Name und Begrenzung des Allgäus

Der Name ALLGÄU ist höchstwahrscheinlich hergeleitet von "Alpen-Geäu", also alpines Auenland. Erstmals aufgetaucht ist der Begriff "Albigauge" (Berg-Wiesen/Auen-Gau) in einer Schenkungsurkunde von 817. Darin vermacht der Alemannen-Fürst Wisirih seine "Celle mit Kirche" an das Kloster St. Gallen, mit gleichzeitiger Übernahme des Lehens für seine Untertanen. In der lateinischen Urkunde ist erstmals der Begriff "Albigauge" dokumentiert. Heute würde man das als Verkauf mit gleichzeitiger Rückmiete bezeichnen. Dabei handelt es sich um das Dorf Zell, 3 km nördlich des Marktes Oberstaufen und heute ein Ortsteil. Dort gab es im 9. Jh. bereits eine Holzkirche, die um 1400 durch einen Steinbau ersetzt wurde. Definiert man "Allgäu" als das Land mit Auen und Mooren, so erstreckt es sich von den Hochlagen  vor  den Alpen und zwischen den ersten Alpenbergen die Flüsse entlang nach Norden. Das ist der Bereich des Nagelfluh-Untergrundes (siehe weiter unten), der bis zum Allgäuer Tor reicht, das eine Endmoräne aus den Eiszeiten ist. Es gibt noch eine zweite, jüngere, Definition. Sie besagt, dass als Allgäu die Gegend gilt, in der die Landwirtschaft zu über 90% aus Weidewirtschaft besteht  und eine Höhe von mindestens 700 m über NN hat, die Flusstäler ausgenommen. Beide Definitionen führen weitgehend zu gleichen Grenzen.

Die natürlichen Grenzen des Allgäu

Im Osten verläuft die Grenze am Lech. Im Süden gehören  das Lechtal bei Reutte und das Tannheimer Tal prinzipiell auch dazu. Nach Westen hin windet sich die natürliche Grenze südwestlich von Oberstdorf und dem Kleinwalsertel durch das Tal der Bregenzer Ach, dann verläuft sie nahe Lindau über den Pfänder. In Lindau und dem Bodenseetal wird alle Art Landwirtschaft betrieben und die Höhe ist 400 m, also ist das alles kein Allgäu. Die natürliche Grenze verläuft vom Pfänder weiter nach Norden über die Höhenrücken, die den Bodenseekessel begrenzen. Vom Bodenseekessel nach Osten  geht es, mit Ausnahme des Tettnanger Tals, schnell hoch auf über 600 m und damit ins echte Allgäu. Zwischen Tettnang, Ravensburg (kein Allgäu) und Wangen (im Allgäu) beginnt das Allgäuer Tor. Das ist eine Höhenstufe und Hügelkette die von den Gletschern der Eiszeiten zurückblieb und das Allgäu nach Norden begrenzt. Sie verläuft nach Osten bis zum Lechtal und ist aus allen Richtungen sichtbar. Einige Burgen, Schlösser und Klöster wurden auf dem Allgäuer Tor errichtet. Auto- und Bahnreisende bemerken es leicht, wenn es zwischen Bad Grönenbach und Dietmannsried auf der A7 und mit der Bahn hinauf geht. Damit ist auch der Namensgeber der Autobahnraststätte "Allgäuer Tor" geklärt. Allerdings bedeutet diese Definition auch, dass weder Memmingen noch Mindelheim oder Buchloe und somit der ganze Kreis Unterallgäu nicht wirklich zum Allgäu gehören. Aus touristischen und politischen Gründen wird es aber doch dazu gerechnet.

 

Der Kreis Lindau

Weiler-Simmerberg gehört zum Landkreis Lindau / Bodensee. Das ist mit 83.000 Einwohnern einer der kleinsten Kreise Bayerns. Lindau hat ca. 25.000 Einwohner, gefolgt Lindenberg mit rund 11.000 und Weiler-Simmerberg mit knapp 7.000; die Gemeinde ist flächenmäßig die größte im Kreis.

Skizze des Kreises Lindau

Legende: grün-gepunktet: Kreisgrenzen, fett-grün: Landesgrenze. Violett-gepunktet: Wasserscheide Rhein/Donau, blau markiert: Seen und Flüsse. Rot: Straßen und Autobahnen. Die fett-gedruckten und unterstrichenen Städte sind Kreisstädte.
 

Der Kreis LI (grün-gepunktete Eingrenzung) stößt im Norden an die beiden Baden-Württembergischen Landkreise Bodensee (Sitz in Friedrichshafden / FN) und Ravensburg / RV, im Osten an den Ober-Allgäukreis (Sitz in Sonthofen / OA). Das Unterzentrum Kempten (KE) ist eine kreisfreie Stadt. Im Süden ist der Nachbar das Bregenzer Land mit Bregenzer Wald (Kennzeichen B in Vorarlberg). Im Westen grenzt der Kreis LI an den Bodensee mit dem Dreiländerpunkt  Austria/Schweiz/Deutschland. Die Grenzen und Kreiskennzeichen sind grün markiert.

Das Land Bayern ist nahe Lindau "eingeklemmt" zwischen BW und Vorarlberg. An der engsten Stelle, bei Sigmarszell zwischen Lindau und Scheidegg, ist Bayern nur 2 km breit. Die historischen Gründe sind weiter unten beschrieben.
Die Landesgrenze Bayern zu BW folgt ganz grob dem Verlauf des Argenflusses, der bei Langenargen den Bodensee erreicht. Bei Wangen teilt sich die Argen in die Obere und die Untere Argen. Die Obere Argen entsteht bei Oberstaufen aus mehreren Bächen, die untere Argen etwas weiter östlich bei MIssen.
Das Westallgäu wird von der Wasserscheide zwischen den Einzugsgebieten des Rhein mit dem Bodensee und der Donau mit der Iller definiert. Der Verlauf der Wasserscheide ist in der Skizze violett gepunktet. Auch sprachlich und kulturell gibt es Nuancen. Während der zentrale, nördliche und östliche Teil des Allgäus schwäbisch ist, war der Bodenseeraum und das Rheintal alemannisch. Im Westallgäu haben sich die Kulturen vermischt. Inzwischen sind allerdings durch Kriegseinfluss (Grenzverlauf und Vertriebene), Tourismus und Mobilität die früheren Grenzen und Abgrenzungen kaum noch erkennbar.
Der Landkreis ist ein Unikum. Bis etwa 1200 wurde das Gebiet um den Bodensee vom Kloster St. Gallen beherrscht. Danach bildeten sich Graf- und Ritterschaften, freie Reichsstädte (mit Lindau, Wangen, Isny, Kempten). Die Grafen von Montfort wurden zur beherrschenden Macht. Das Gebiet umfasste das heutige Vorarlberg, den heutigen Kreis Lindau (außer der Stadt) und reichte bis in Oberallgäu, mit Immenstadt, Sonthofen, Oberstdorf. Weiler wurde zum Gerichtssitz, was einer Bezirksstadt entsprach. Simmerberg wurde zur wohlhabenden Salzmetropole und Ellhofen wurde zur Niederlassung des Deutschritterodens. Etwa 1600 kaufte das Haus Habsburg (der österreichische Kaiser) das komplette Gebiet.

Ab 1804 überzog Napoleon auch dieses Gebiet, der Kurfürst von Wittelsbach, der über die Kurpfalz und Oberbayern herrschte, schloß sich ihm an und erhielt zum Dank, die heutigen Länder Tirol, Vorarlberg und eben auch das Allgäu. Die freien Reichsstädte und der Ritterorden wurden aufgelöst. Max von Wittelsbach wurde zum König von Bayern und erhielt auch noch Franken dazu. Als Napoleons Stern sank, schloß sich der Wendehals Max 1813 dem Völkerbund an und wurde so nochmals zum Sieger. Bei der erneuten Neuordnung Europas musste er Tirol, Vorarlberg and die Habsburger, die Gegend um Tettnang, Wangen und Isny an die Hohenzollern abtreten, behielt aber den Rest des Allgäus.
Noch kurioser wurde es nach 1945. Die Siegermächte hatten vereinbart, dass die Amerikaner ganz Bayern und die Franzosen Baden, Württemberg sowie das ganze Bodenseegebiet (außer der Schweiz natürlich) besetzen. Der Kreis Lindau erfüllte als einziger beide Bedingungen und die Sieger konnten sich nur so einigen, dass der Westteil des Kreises ein französisches Protektorat mit eigenem "Kreisdirektor", der wie ein Fürst entscheiden konnte, wurde. Die Grenze begann zwischen Oberreute / Simmerberg und Oberstaufen und zog sich von dort ca. 15 km nach Norden bis zur Oberen Argen, der württembergischen Grenze. Siehe auch die obige Skizze des Kreises. Das Westallgäu war somit bis 1956 ein eigenständiges Land. Mit dem Ende Besatzungszeit fiel es Bayern zurück und der Kreis Lindau wurde neu definiert.

 

Geschichte der Marktgemeinde Weiler-Simmerberg

Mit Beginn der Habsburger  Herrschaft um 1600 wurden die Graf- und Ritterschaften aufgelöst und aus den Orten wurden Gemeinden, Ellhofen blieb aber bis 1806 beim Deutschritterorden. Simmerberg prosperierte als Salzmetropole und Weiler blieb, wie unter Montfort, Gerichtssitz. Simmerberg konnte sich die umgebenden Ländereien einverleiben. Nachdem die Herrschaft, wie im obigen Absatz beschrieben, 1806 an die Wittelsbacher und somit das heutige Bayern fiel, wurden Kreise und Gemeinden neu definiert. Es ist nicht mehr genau nachzuvollziehen wie es kam, aber bei der Festschreibung 1821 umschloss das Gebiet des Marktes Simmerberg das des Marktes Weiler fast komplett und hatte insgesamt auch mehr Einwohner.

Genzen von Weiler-Simmerberg eisnt und jetzt
Quellen: Chronik von Weiler-Simmerberg-Ellhofen, Dr. Georg Wagner, Gerd Zimmer at.al., 1994, Geodaten-Bayern und Google Earth.

 

Der schwierige Zustand führte zu mehreren Versuchen einer Gemeinde-Zusammenlegung, die aber alle scheiterte. 1968 war es dann soweit, dass dass eine Urabstimmung unter den Bürgern zu einer 3/4-Mehrheit bei ebenso hoher Wahlbeteiligung für die Neugründung stimmte. Es war wichtig, dass auch die absolute Zahl weit über 60% der Stimmberechtigten positiv stimmte. Am 1. 9. 1968 war der Gründungstag der Marktgemeinde Weiler-Simmerberg und am 1.1.1972 schloss sich Ellhofen freiwillig an.

 

Geografie und Geologie

Der Bodensee liegt auf  fast genau 400 m Höhe, Memmingen auf knapp 600 m. Von beiden Punkten und der gedachten Linie dazwischen steigt das Terrain nach Süden hin bis auf  700-900 m an, dann kommen die Alpen. Da die Berge bis dicht an den Bodensee ragen, hat man von diesem in östliche und südliche Richtung recht steile Anstiege, während es vom "Allgäuer Unterland" her allmählich hoch geht.

Mitten durch das Allgäu verläuft die Wasserscheide Rhein / Donau. Sie ist in der Skizze violett-gepunktet markiert. Die Gegend, in der die Flüsse zum Bodensee fließen ist das Westallgäu, überwiegend in den Kreisen Lindau und Ravensburg  gelegen. Östlich der Wasserscheide fließt das Wasser in den parallelen Flüssen Iller, Günz, Mindel, Wertach und Lech zur Donau und damit zum schwarzen Meer.

In erdgeschichtlicher Zeit war das Ganze vom Ozean überlagert, die Alpen waren viel flacher und begannen weiter südlich. Die nach Norden gerichteten Flussläufe brachten jede Menge Geröll mit, das sich in den Meeresschlamm einlagerte. Dann stiegen die Alpen empor und die Platte bis zur Donau stieg schräg mit. In den Eiszeiten der letzten 250.000 Jahre wanderten die Gletscher von den Alpen ebenfalls nach Norden. Sie waren bis über 2 km dick und frästen sehr viel Felsmaterial von den Bergen, die wie in einer Gesteinsmühle bearbeitet wurden. Durch den enormen Druck entstand ein Sand-Stein-Gemisch von hoher Dichte: Molasse oder Nagelfluh. So kommt es, dass die dominierende Bodenform die Molasse ist, auf der eine dünne Schicht nutzbarer Boden liegt. In den Voralpen-Bergen, zu denen die Nagelfluhkette samt Hochgrat gehört, liegt die Molasse an vielen Stellen frei. Weil die Strukturen an groben Waschbeton erinnern, werden sie im Volksmund auch Herrgottsbeton genannt. Oft sieht es aus, als würden überdimensionale Nagelköpfe aus dem steinharten Boden ragen, woher der Name Nagelfluh kommt. "Fluh" ist wiederum ein anderes Wort für Berghang.

Nagelfluh-Tafel

Informations-Tafel zur Molasse/Nagelfluh. Sie steht bei den Scheidegger Wasserfällen, die sehr leicht zu erreichen sind. Sie liegen gleich neben der B308 in Richtung Lindau.

die Nagelfluh-Struktur

Wo die Molasse/Nagelfluh zutage tritt, kann sie mit sehr grobem Waschbeton verglichen. Links relative kleine Steine, die Uhr dient dem Größenvergleich. Rechts das Gegenteil mit sehr großen Steinen, aufgenommen am Hochhäderich,  dem Westbeginn der Nagelfluh-Kette

Infotafel zur Nagelfluhkette bei Sulzberg

 

Geschichte

Wegen des kargen Bodens und der Höhenlage war das Allgäu lange Zeit nur dünn besiedelt, während an Bodensee und Rhein schon relativ viele Menschen lebten.  Interessanterweise sind die nachweisbaren ältesten allgäuer Heimstätten nicht  in den Tälern  sondern dort, wo heute die Alpen (Almen) sind. Also haben die Siedler vor über 2000 Jahren bereits saisonale Vieh- und Milchwirtschaft betrieben und im Winter ihre Tiere wieder zum Wasser gebracht. Das alles änderte sich, als die Römer kamen und ihre Wege über die Alpen befestigten und sicherten. Die Hauptgründungen waren Kempten (das nachgewiesen bereits im Jahr Null bestand) und Lindau. Kempten gehört mit Augsburg, Köln, Mainz und Trier zu die ältesten Städte Deutschlands. Sein lateinischer Name "Cambodunum" war bereits eine Ableitung vom keltischen "Kambodounon", also hat Kempten eine wirklich lange Geschichte. Die tiefgreifende Besiedlung und Nutzbarmachung des Allgäus kam allerdings erst mit der Völkerwanderung (ab 400), als sich die Römer zurückgezogen hatten und der Volksstamm der Schwaben vom Baltikum kommend hier siedelte. Zugleich kamen alemannische Siedler vom Bodenseeraum ins westliche Allgäu. Es entstand eine Gesellschaft bäuerlicher, handwerklicher Prägung mit ausgeprägten Handelsverbindungen.. 
Politisch lag Schwaben immer zwischen den Mahlsteinen der vielen umliegenden Interessengruppen. Maßgebend war ab den 8.Jh. das Kloster St. Gallen, das viele Niederlassungen im Allgäu hatte. Ab ca. 1200 kamen die Habsburger mit den Grafen Montfort am Bodensee und Hohenegg im heutigen Oberallgäu. Nördlich davon hausten die Zollern, repräsentiert durch die Fürsten von Waldburg-Zeil (die heute noch der größte Land- und Kapitalbesitzer in Oberschwaben und Allgäu sind). Im Osten waren die Wittelsbacher. Wie Kleckse waren darüber die Freien Reichsstädte (Lindau, Konstanz, Wangen, Eglofs, Isny, Kempten, Memmingen). Darüberhinaus gab es die Fürstabteien und Klöster. Und alle wollten von der Landbevölkerung versorgt werden. Diese komplizierte Gemengelage führte 1520-50 zu mehreren Bauernkriegen, die in Memmingen begannen und von den Waldburg-Zeilern massiv bekämpft wurden. Das Ganze half auch mit, mehrere der Reichsstädte lutherisch zu reformieren.
Fast das gesamte Westallgäu gehörte bis 1806 zum österreichischen Habsburg. Dann kam Napoleon, dem sich die bayrischen Adligen unter Führung der Wittelsbacher angeschlossen hatten, sie "gewannen" Vorarlberg und Tirol. Nachdem der Despot besiegt war, wurde im Wiener Frieden von 1816 fast alles von Österreich "gewonnene" Land wieder zurückgegeben. Der Großteil des Westallgäus und die vorher freie Reichs-Stadt Lindau verblieben aber bei Bayern und die württembergischen Zollern erhielten die Gegend um Wangen. So hatten sich die bayrischen Wittelsbacher und die Zollern in Württemberg geeinigt. Als nach dem zweiten Weltkrieg die Länder neu geordnet wurden, übernahm man diese Regelung. So kam es, dass die württembergischen Allgäuer keinen Alpen-Anteil haben, weil dort die bayrischen Allgäu-Schwaben sind, die dazu noch einen Zugang zum Bodensee haben. Der Hintergrund führte u.a. dazu, dass nach dem 2. Weltkrieg weder die Franzosen (die den gesamten Bodensee und BW besetzt hielten), noch die Amerikaner (die ganz Bayern besetzt hatten), die Region zwischen Weitnau und Lindau "überwachten". Der Bereich gehörte auch weder zu Deutschland noch zu Österreich, ein neutraler "Regionalpräsident" hatte die Macht und balancierte zwischen den Blöcken - das war nicht zum Nachteil des Kreises Lindau. Der Zustand hielt bis 1956, dann wurde, ähnlich wie im Saarland, durch einen Volksentscheid die Landeszugehörigkeit knapp für Deutschland entschieden und der Kreis Lindau gegründet.

 

Die Salzstraße

Ab ca. 1400 wurde vom Salzbergwerk in Hall in Tirol (östlich von Innsbruck) Salz nach Westen geschafft. Ziele waren die Bodenseeregion, Schwaben, die Schweiz und der Schwarzwald. Eine "Salzstraße" führte über Telfs, den Fernpass nach Biberwier, Reutte und durch das Tannheimer Tal nach Hindelang. Die Orte mit Salzverteilung (die sog. Faktoreien) waren zugleich auch Umlade-, Verteil- und Übernachtungsplätze, sie sind hier im Text unterstrichen und in der Karte rot markiert. Weiter ging es nach Immenstadt, Simmerberg und Lindau. Bis 1806 gehörten, außer der freien Reichsstadt Lindau, alle genannten Orte zum Habsburger Reich. Der Salzverkehr (die "Rod" genannt) per Pferdefuhrwerk nahm bis zum Beginn des Bahnzeitalters zu. Im Durchschnitt wurden 30 - 40 Tonnen Salz pro Tag transportiert, in Fässern zu je 266 kg. Ein Fuhrwerk transportierte 3 bis 4 Fässer, bei schwierigen Verhältnissen auch weniger. Die Fuhrwerke pendelten immer zwischen zwei Faktoreien, Salz in eine Richtung und alles Mögliche in die andere. Folglich kamen 30 - 40 Fuhrwerke pro Tag in den Faktorei-Orten an. Jedes davon hatte eine Mannschaft von 4 - 6 Mann und vier Pferde, also kamen pro Tag mindestens 120 "Rödler" und 120 Pferde an. Das war somit ein großer Wirtschaftszweig, der Handwerk, Handel, Gasthöfe und Brauereien mit sich brachte. Alleine in Simmerberg gab es um 1850 13 Gasthöfe, alle vorstellbaren Handwerke und seit 1706 auch die Brauerei. Der erste Einschnitt für die Mine in Hall Mine kam, als in Immenstadt (seit 1806 bayrisch) auch Reichenhaller Salz gehandelt wurde. 1850 wurde im schweizerischen Aargau Salz gefunden, mit dem die Gebiete westlich des Bodensees versorgt wurden. Als 1853 die Bahnstrecke Kempten-Immenstadt-Lindau in Betrieb ging, dauerte der Transport durchs Westallgäu anstatt zweier Tage nur noch wenige Stunden und war nicht mehr wetterabhängig. 1884 wurde die Bahnlinie von Innsbruck über den Arlberg nach Bregenz in Betrieb genommen und besiegelte das Ende der Rod. Innerhalb weniger Jahre hatten alle Orte entlang der Salzstraße ihr Geschäft verloren.

Salzfaktorei-Onformationen
Die Wichtigkeit der Salztransporte für die Entwicklung Simmerbergs wird an mehreren Stellen im Ort sichtbar. Neben den Plastiken am Kreisel findet man am Dorfplatz eine Salztransport-Grafik und an der ehemaligen Salzfaktorei (heute Sparkasse) eine Informationstafel.

 Alte Salzstraßen-Karte

Verlauf der "alten Salzstraße" ab ca. 1400, die in Teilen noch als historische Straße besteh. Die Route wurde mehrfach geändert, verlief aber immer von in Hall in Tirol über den Fernpass nach Reutte, weiter durch das Tannheimer Tal, über Hindelang, Sonthofen, Immenstadt und Simmerberg zum Bodensee, insgesamt etwa 230 km in neun Etappen. Die Salzfaktorei-Orte sind rot markiert. Die Arlberg-Bahnlinie Innsbruck - Bregenz ist orange-gepunktet eingezeichnet.
Zur historischen Salzstraße existiert etliche Literatur, beim Touristenbüro in Weiler gibt es z.B. die kostenlose Fibel "Zeitreise - auf Spurensuche an der oberen Salzstraße", mit 48 anschaulichen Seiten.

 

Landwirtschaft, Milch & Käse und heutige Gewerbe

Bis etwa 1830 gab es  im Allgäu Alpwirtschaft und Milch nur als Teil der Viehhaltung für den Eigenbedarf. Schließlich war die Milch ein empfindliches Getränk, das fast nicht transportiert und gelagert werden konnte. Sie war praktisch nur zum baldigen Verzehr geeignet, die Pasteurisierung gab es erst nach 1864. Das Allgäu war damals gelb und blau, vom vielen Getreide und Flachs der angebaut wurde; trotz des kargen  Bodens auch Kartoffeln und andere Pflanzen mit flachen Wurzeln. So entstanden auch die vielen Webereien, Textilbetriebe und Hutfabriken, die inzwischen wieder fast ganz verschwunden sind. Sie wurden durch moderne Industrien ersetzt.. Der Lindenberger Aurel Stadler stellte 1827 in Weiler im Allgäu den ersten Emmentaler her. Carl Hirnbein aus Weitnau, ein studierter Kaufmann, hatte ebenfalls Käseherstellung gelernt. Ab 1829 arbeiteten die beiden zusammen, sie lehrten die Käseherstellung verschiedener Sorten und Hirnbein überzeugte die Leute von der Milchwirtschaft. Unter anderem erfand er die Galtalp, bei der die Tiere mehrerer Eigner gemeinsam gehalten und am Ende des Sommers wieder aufgeteilt werden (siehe auch "Alpabtrieb und Viehscheid" auf der Seite Jahreszyklus) Clever wie Hirnbein war, beteiligte er sich an vielen Galtalpen und wurde ein sehr reicher Mann. Durch die Käseproduktion wurde die Milch lager-, verkaufs- und transportfähig und die Basis für die wirtschaftliche Umstellung des Allgäus, als die importierte Baumwolle den Flachs als Stoffgrundlage ablöste. Um 1850 wurden die ersten Bahnstrecken in Betrieb genommen, womit natürlich die Ideen von Stadler und Hirnbein massiv unterstützt wurden Nach und nach stellte sich das Allgäu um und die vielen grünen Wiesen und bewirtschafteten Alpen entstanden. Die Landschaft wurde vom blauen zum grünen Allgäu. Es ist eminent, die Graswirtschaft zu erhalten, damit der Charakter der Landschaft erhalten wird, sonst drohen Verbuschung und Versteppung.  Das wird aktuell und automatisch von den Milchbauern geleistet, die allerdings auch einen fairen Preis für ihr Produkt brauchen, damit sie wirtschaften können.
Die Verteilung der Wirtschaftszweige im Allgäu (Stand 2014) am Brutto-Sozial-Produkt (BIP): Anteil des produzierenden Gewerbes: 32%;  Dienstleistungen (Finanzen, Versicherungen, privater Service): 21%; Handel, Verkehr, Tourismus, Kommunikation: 20%; öffentlicher Dienst, Haushalte und Gesundheitswesen: 19%; Baugewerbe 5% und Land- und Forstwirtschaft: 1%.

Das Standbild - die faire Kuh - findet man im ganzen Allgäu

 

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